In dieser fortlaufenden Rubrik soll in jeder Ausgabe Wissenswertes und Informatives rund um unser organisches Instrument Stimme vorgestellt werden.


Vom Verbandspräsidium wurde ich gebeten einen Artikel zum Thema „Die Stimme" für unsere neue Verbandszeitung zu schreiben. Aber wie nähert man sich einem so umfangreichen Thema, dessen wissenschaftliche Erforschung gerade erst begonnen hat (siehe unten stehende Literaturangabe) und dessen unterschiedliche Aspekte wie Atmung, Resonanzräume, Register je nach Lehrmeinung unterschiedlich bezeichnet und ausgelegt werden? Ich habe mich entschieden auf die Entstehung der Stimme und ihre Formbarkeit einzugehen. Manche Anregung dazu habe ich dem Buch „Die Stimme" von Bernhard Richter entnommen.


Nun, was ist das, die Stimme? Was wären wir ohne Stimme? Nur „nicht stimmberechtigt"?


Gäbe es den Menschen überhaupt ohne Stimme?


Die Entwicklung der Stimme, d.h. die Möglichkeit des ins Wort bringens von Empfindungen, Gefühlen und Gedanken ist untrennbar mit der Entwicklung unseres Geistes und Körpers verbunden. Mit der Stimme bringen wir etwas von der geistigen Ebene auf die materielle Ebene.


Entwicklungsgeschichtlich ist die Möglichkeit einer Stimmproduk-tion als Nebeneffekt eines dreifachen Schutzmechanismus' entstanden. Dieser Schutzmechanismus ist für das Überleben so wichtig, dass er gleich auf drei Ebenen angelegt wurde. Er soll verhindern, dass Fremdkörper und Speichel in die Luftröhre und Atmungsorgane gelangen. Diese drei Schutzmechanismen befinden sich allesamt im Kehlkopf. Zuoberst befindet sich der Kehldeckel, in der mittleren Ebene, über den Stimmlippen (Stimmbändern) liegen dieTaschen-falten und auf der untersten Ebene die Stimmlippen. Letztere können in Respirationsstellung zueinander stehen, d.h. zwischen ihnen besteht eine Öffnung durch die Luft ein- uns ausströmen kann, oder in Phonationsstellung, wobei sie aneinander liegen. Die Tonproduktion geschieht in der Phonationsstellung. Hierbei strömt Luft aus der Luftröhre von unten gegen die geschlossenen Stimmlippen und bringt sie in Schwingung. Der sogenannte Primärschall oder Primärton entsteht. Die Öffnung, die bei der Schwingung zwischen den Stimmlippen entsteht wird Glottis genannt. Der Grundton des Primärschalls kann in Tonhöhe und in seiner Stärke durch Veränderung der Stimmlippenspannung, der seitlichen Stimmlippenschwingung und durch Veränderung des subglottischen Drucks, des Drucks in der Luftröhre gegen die Stimmlippen von unten, variiert werden.


Auf den Klang bezogen kann man sich das ungefähr so vorstellen, als blase man in ein bloßes Trompetenmundstück. Das klingt ebensowenig nach Trompete wie der Ton des Primärschalls nach menschlicher Stimme.


Was macht also den Primärton zu dem Ton den wir hören?
Was macht die Quelle zum Fluss? Es ist die Ausbreitung, es sind die Ausbreitungsmöglichkeiten, die Entwicklungsmöglichkeiten, die wir als Sängerinnen und Sänger dem Primärschall zur Verfügung stellen. Bin ich eng, wird der Ton eng. Bin ich kraftlos verpufft der Ton. Bin ich aber in meiner Einstellung wach, erstaunt, neugierig ob der Möglichkeiten, die sich ergeben, bin ich in einem guten Tonus usw. kann der Ton sich entwickeln und entfalten. Hier wird deutlich wie wichtig es ist, mit dem ganzen Körper und einem gerichteten Willen zu singen und wie wichtig es ist, seinen Körper zu kennen, ihn immer deutlicher empfinden zu können.


Einmal erzeugt setzt sich der Primärton fort durch eine Art Rohr, durch Rachen und Mund, und verlässt den Körper an dem offenen Rohrende, den Lippen. Diese Räume über den Stimmlippen werden unter verschiedenen Bezeichnungen gehandelt: Vokaltrakt, Ansatzrohr, Ansatzraum, Artikulationsräume oder Resonanzräume. Sie entsprechen dem, was den Ton des Trompetenmundstücks zum Trompetenton macht, der Trompeten kör per. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Das Trompeten rohr ist starr, nur in seiner Länge variabel. Das menschliche Ansatzrohr ist formbar in der Länge als auch im Querschnitt. Wir formen es durch die Stellung der Lippen, durch den Öffnungswinkel der Kiefer, durch die räumliche Stellung der Zunge sowie in der Modifikation ihrer dreidimensionaler Ausdehnung, durch die Stellung des Gaumens und des Gaumensegels, durch die Kopfhaltung und durch die Stellung des Kehlkopfes (hoch-mittel-tief).


Im Ansatzrohr entsteht der eigentliche Ton. Dieses schwingt mit den Schwingungen des Primärtons mit. Dabei kommt es, ähnlich wie bei der Entstehung von Eigenschwingungen, zu Energiespitzen im Schallspektrum. Diese Energiespitzen nennt man Formanten, abgeleitet vom lat.„formans" für bildend. Normalerweise sind fünf Formanten für den Stimmklang relevant. Die ersten beiden, die tieferen, bestimmen die Qualität und Erkennbarkeit der Vokale, die höheren sind für den Stimmklang und die Tragfähigkeit der Stimme verantwortlich. Beim Singen wirken wir über Veränderungen im Ansatzrohr mit den oben genannten Möglichkeiten auf die Formanten und damit auf den Stimmklang ein.


Die Kehle ist also „nur" Durchgangsstation, hier der Luft, die dabei den Primärton erzeugt. Gestaltet wird darüber und darunter, nicht im Hals!! Darüber liegend mit den oben genannten Möglichkeiten, darunter mit einer Weitstellung der Atemeinstellung, den lockeren Knie oder dem Sitzen auf den Sitzhöckern und damit einer aufrechten Haltung.
Mit den Gestaltungsmöglichkeiten oberhalb und unterhalb des Kehlkopfes wirken wir auch auf dessen Stellung ein, denn die muskuläre Aufhängung des Kehlkopfes ist auf vielerlei Weise mit den bewusster steuerbaren Muskeln des Atemapparates und denen im Ansatzrohr verbunden.


Wir üben uns beim Einsingen und beim Erarbeiten unserer Literatur in der Kunst der Feineinstellungen unseres Körpers, um der Stimme zu ihrer optimalen Verklanglichung zu verhelfen.


Wie kontrollieren wir dies? Über die Empfindungen des Körpers und v.a. über unser Gehör.


Im oben genannten Buch wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die wissenschaftliche Erforschung der Funktion der menschlichen Stimme noch ganz am Anfang steht. Erst so langsam können wir mit unserem Verstand nachvollziehen was hier eigentlich geschieht. Die Kunst des Singens existiert seit...? Menschen haben in dieser Zeit, ohne im Detail zu wissen wie es funktioniert, Stimmen geschult und perfektioniert. Alles über ihr Gehör. Unsere Stimme könnte nicht das sein, was sie heute ist, wenn sich nicht auch unser Gehör weiterentwickelt hätte. Die Entwicklung der Stimme und des Gehörs bedingen sich gegenseitig. Die Feineinstellungen des Kehlkopfes, die Einstellungen im Ansatzrohr werden über das Gehör kontrolliert und über die dabei gespürte Körperempfindung lernen wir wie es sich „richtig" anfühlen muss. Oft geübt kann diese Einstellung dann „abgerufen "werden.


Über das Singen lernen wir also unseren Körper kennen, wir lernen „Herr" oder „Frau" im eigenen Haus zu werden.


Wie wir aus der Hirnforschung wissen kommen wir mit einer großen Palette von Entwicklungsmöglichkeiten auf diese Welt. Wir müssen diese aber auch nutzen, d.h. uns darin schulen, üben, um uns damit entfalten zu können. Singen und Hören gehören auch dazu. Deswegen ist es u.a. wichtig mit Kindern schon ab ihrer Geburt zu singen. Singen kann man nicht per se. Es stimmt zwar, dass jeder Mensch singen kann, aber dazu gehört Training, ein Talent braucht Training. Sonst verkümmert es und auf das Singen bezogen heißt dies: Man wird und bleibt ein „Eintonmusikant". (In diesem Zusammenhang möchte ich zwei weitere Bücher empfehlen: „Die Welt ist Klang" und „Das dritte Ohr" von Joachim Ernst Berendt.) Singen fordert und fördert also den Menschen als ganzes Wesen. Es verlangt Disziplin und Körperbeherrschung wie im Sport und wirkt positiv auf den Körper und den Geist.


Singen ist eine Tätigkeit mit deren Hilfe wir nicht zuletzt auch uns selber wesenhaft gestalten können.
Die menschliche Stimme ist ein Gestaltungsmittel unserer Welt. Entstanden aus der Möglichkeit, mittels eines Schutzmechanismus' Laute zu erzeugen entfaltete sich die Stimme zu einem Kommunikationsmedium und mit ihm der ganze Mensch, von der Haltung bis hin zum Bewusstsein. Die Stimme gehört zum Menschen wie die Atmosphäre in ihrer Zusammensetzung zur Erde. Das Eine gibt es nicht ohne das Andere. Bleibt die Frage: Warum nutzen wir diesen Schatz nicht öfters zu unserem Vorteil? Mittlerweile wissen wir, dass das Singen das Immunsystem stärkt, die Ausschüttung von Glückshormonen bewirkt, dass mit dem Singen die Atmung, die Sprache, das Gehör, die propriozeptive Körperwahrnehmung, der Geist und das Denken angeregt und trainiert werden, und dass das gemeinsame Singen unser Sozialverhalten positiv beeinflusst. „Aus Sicht der Gesundheitsförderung ist die strukturierte, regelmäßige und möglichst tägliche musikalische Aktivität sehr wichtig. Nicht nur die tägliche Sportstunde, sondern auch die tägliche Musikstunde ist gesellschaftlich zu fordern und baldmöglichst um zu setzen." („Die Stimme" S.98)

 

Was wäre, wenn

  • die Präsidiumssitzung mit einem gemeinsamen Lied beginnen würde?
  • der Schulunterricht mit einem Lied oder selbst produzierten Musikstück beginnen würde?
  • am Arbeitsplatz einmal am Tag gemeinsam ein Lied gesungen würde?
  • jeder Tag mit einem Lied begonnen würde?

 

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." (E. Kästner)

Michael Binder, Chorleiter